Gold sells! – Im Zeichen der goldenen Exponate

“Im Zeichen der Goldenen Greifen. Königsgräber der Skythen.” Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Berlin (06.07.–01.10.2007), Hypo-Kunsthalle, München (26.10.2007–27.01.2008) und dem Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg (15.02.–25.05.2008).

“Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles!” Diese Worte legte Goethe seiner tragischen Figur Gretchen vor über 200 Jahren in den Mund. Und man möchte meinen, dass so mancher Museumskurator diesen Sinnspruch zur ausstellungsleitenden Maxime erkoren hat: “Gold sells!” als kulturfähige Abwandlung einer Werbestrategie des “sex sells”. Archäologische Ausstellungen mit dem Titel “Das Gold der Soundso” sind inzwischen Massenware und die mitgelieferten Ausstellungskataloge füllen ganze Bücherregale. Publikumswirksam werden Goldobjekte vergangener Kulturen präsentiert, die Besucher strömen meist in diese Ausstellungen und stehen fasziniert vor dem Glanz untergegangener Kulturen. Im gleichen Sinne würde in vielleicht 2.000 Jahren die Geschichte Englands in einer Ausstellung unter dem Titel “Das Gold Albions” auf die Kronjuwelen und ausgewählte Pretiosen aus den Schatzkammern einiger englischer Adelshäuser reduziert werden. In der archäologischen Fachwelt Akademias wird solchen Ausstellungen Nase rümpfend und mit Zurückhaltung begegnet: Sie verströmen den Geruch des Blockbuster-Kommerzes und sie entbehren meist einer kulturgeschichtlichen Botschaft.

Zum festen Bestandteil des Goldausstellungszyklus gehören seit langem die Skythen mit ihren überaus reichen goldenen Hinterlassenschaften. In den 1980er- und 1990er-Jahren tourte etwa eine Ausstellung durch mehrere europäische Metropolen mit dem sinnfälligen Titel “Gold der Skythen”; der Untertitel “Schätze aus der Staatlichen Eremitage St. Petersburg” präzisierte das inhaltliche Anliegen. In kurzem zeitlichen Abstand folgte “Gold der Steppe”, ebenfalls eine Leistungsschau vornehmlich skythischen Goldhandwerks, diesmal jedoch aus ukrainischen Beständen bestückt.

Goldene Greifen

poster2007 und 2008 wurde mit großem Werbeaufwand zunächst in Berlin, dann in München und Hamburg jeweils eine Ausstellung unter dem Titel “Im Zeichen des Goldenen Greifen. Königsgräber der Skythen” eröffnet. Man ist schnell versucht, diese Ausstellung mit den anderen Goldausstellungen in einen Topf zu werfen; doch man wird auch schnell eines Besseren belehrt, dass diese pauschale Gruppenschelte hier nicht angebracht ist.

Für die Ausstellung wissenschaftlich verantwortlich zeichnet Hermann Parzinger, der ehemals als Direktor der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) und späterer Präsident des DAI zahlreiche Ausgrabungsprojekte in Kooperation mit russischen und mongolischen Partnern in den eurasischen Steppen durchgeführt hat. Die Ausgrabungsergebnisse übertrafen oft alle Erwartungen und lieferten neue faszinierende Einblicke in die skythische Kultur. Und auch von russischer Seite wurden in den letzten Jahren Grabungen durchgeführt mit neuen Ergebnissen. Die neuen Forschungen, allen voran die Untersuchungen des Fürstenkurgan Aržan 2 in Tuva, unter der Leitung u. a. von H. Parzinger, bilden den Ausgangspunkt der Ausstellung.

Die Ausstellung folgt der im Katalog angelegten Struktur (für eine Besprechung des Katalogs s. Burmeister im Druck): Sie zeigt nicht mehr, aber auch nicht weniger. In acht regionalen Themenblöcken wurden auf jeweils über 1.000 qm an die 6.000 Objekte präsentiert, die man weder in dieser Zusammenstellung noch in ihrer Fülle auf absehbare Zeit so wieder sehen wird. Die enorme kuratorische Leistung, diese Schau zusammengestellt zu haben, wird sich den meisten Betrachtern kaum erschließen, dennoch wird sicherlich jeder Besucher in den Bann der vielen herausragenden Kunstschätze gezogen worden sein. Die vitale Formensprache des skythischen Kunststils und die hohe Kunstfertigkeit der Handwerker wird erst am dreidimensionalen Objekt so richtig deutlich – die qualitativ hochwertigen Fotos der Exponate im Katalog sind zwar eine gute Erinnerungsstütze, sie können dies jedoch nur ansatzweise vermitteln. Es ist gut vorstellbar, dass sich auch die Zeitgenossen der skythischen “Fürsten” von dieser materiellen Kultur beeindrucken ließen.

Obwohl die Ausstellung an allen drei Orten nach dem gleichen Konzept aufgebaut war, hatte sie ein jeweils ganz eigenes Erscheinungsbild. Hier setzte die jeweilige Ausstellungsgestaltung der Präsentation ihren besonderen Stempel auf. Bei der Münchner und Hamburger Ausstellung war die Exponatfülle um einige Stücke reduziert, dennoch wird der normale Besucher immer noch von der verbliebenen Exponatmenge überwältigt, wenn nicht gar erschöpft gewesen sein. Auch wenn die einheitliche thematische Gliederung der Ausstellungen, die Ausstellungstexte und die Exponate verbindende Elemente aller drei Präsentationen waren, entstanden durch die jeweils eigenen Präsentationskonzeptionen sehr individuelle Ausstellungen. Im Vergleich der drei Präsentationen wird schnell deutlich, dass der Eindruck, den ein Besucher von einer Ausstellung mitnimmt, sehr stark auch von der Präsentation abhängt: Ausstellungsgestaltung ist ein didaktisches Mittel, um Themen und Inhalte zu transportieren. Und durch die Möglichkeit des direkten Vergleichs dreier scheinbar gleicher Ausstellungen wird das Potential einer Ausstellungsgestaltung deutlich.

Berlin

Die erste Station im Berliner Martin-Gropius-Bau wurde von harry vetter team, einem der führenden deutschen Büros für Ausstellungsgestaltung, gestaltet. Der als Ausstellungsort genutzte klassizistische Bau bietet mit 2.400 m2 Ausstellungsfläche zwar Räume für große Ausstellungen, stellt die Ausstellungsmacher jedoch vor besondere Probleme: Die eigentlich großzügig bemessene Ausstellungsfläche ist baulich in 18 kleinere Kabinette zergliedert, die es kaum zulassen, ein Thema großflächig aufzubereiten. Die Mauern begrenzen den Raum und setzen räumliche Zäsuren; sie konstruieren inhaltliche Einheiten, die man auf anderem Wege wieder aufbrechen muss. Einzig der Lichthof bietet die Möglichkeit, die Enge des Raumes zu überwinden und sich gestalterisch auszudehnen. Der Besucher wurde hier von der 1:1 Rekonstruktion eines 9 m hohen skythischen Kurgans empfangen. Auf dem Weg zur Ausstellung durchquerte man die abstrahierte Nachbildung des Kurgans von Barsučij Log. Dicht gespannte weiße Schnüre bildeten die ehemalige Oberfläche des Hügels nach und erzeugten einen sphärischen Raum, der mit seinem semitransparenten Schleier zwar immer noch den Blick auf die moderne Architektur freigab, den Besucher aber doch in eine fremde Welt entrückte. Die Gestalter schufen hier einen liminalen Raum, der dem Besucher den Übergang von seiner vertrauten Alltagswelt in die fremde Welt einer unbekannten Kultur erleichterte. Und auch wenn sich der Kurgan fast schon bescheiden in den Lichthof des ihn umhegenden modernen Kulturtempels schmiegte, zeugte er doch von seiner einstigen Größe und der die in ihm niedergelegten Menschen weit übersteigenden Dimension.

Monumentalität ist eines der faszinierendsten Phänomene skythischer Kultur. Die Monumentalität ihrer Grabanlagen steht in eklatantem Kontrast zu den ansonsten unauffälligen Bauten reiternomadischer Gruppen. Den Toten wurden Behausungen errichtet, die die Lebenden nie hatten. Dieser Kontrast ist auch einer zwischen dem Ephemeren reiternomadischer Lebensweise und der Dauerhaftigkeit des Todes. Dieser Gegensatz lässt sich kaum besser darstellen als durch die Monumente der Skythen selbst; das Erstaunen können Worte hier kaum auslösen, bestenfalls unterstreichen.

Die Gestalter haben Monumentalität trotz der baulichen Enge der Ausstellungsräumlichkeiten thematisiert. Raumgreifende Grafiken von 1:1-Darstellungen archäologischer Befunde erstrecken sich über ganze Wände oder Fußböden. Eines der eindrucksvollsten Monumente skythischer Grabarchitektur ist der Kurgan Aržan 1 in Tuva. Der 4 m hohe und im Durchmesser 110 m messende Hügel barg in seinem Inneren unter einer dichten Steinpackung ein komplexes Zellwerk radialer Holzeinbauten. In dem Kurgan waren 15 Personen und an die 200 Pferde bestattet. Der Raum wurde von einer Befundzeichnung in Originalgröße erfüllt: ein auf dem Boden aufgebrachter Ausschnitt der Pferdebestattungen. Im Zentrum des Raumes stand ein Holzmodell des Kurgans, das den Aufbau des Hügels im Detail zeigte. Das verkleinerte Modell lässt die Strukturen der Anlage deutliche erkennen, die originalgetreue Darstellung der Bodengrafik jedoch bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen. Die Ineinanderblendung der unterschiedlichen Darstellungsmaßstäbe zoomt von der Totalen in den das Ganze aus den Blick verlierenden Ausschnitt und lässt so erst die eigentliche Größe des Hügels erfassen. Ein didaktisch genialer Kunstgriff.

Die skythische Kultur ist eine Kultur der Steppe. Die Weite ist ein besonderes Merkmal dieser Landschaft und die schiere Grenzenlosigkeit dieses Raumes ist ein Aspekt, dessen Bedeutung gerade auch in Anbetracht der rasanten Ausbreitung skythischer Kultur von der Mongolei bis an die Tore Mitteleuropas kaum hoch genug einzuschätzen ist. Das harry vetter team hat Landschaftsaufnahmen über ganze Wände gezogen und so visuell die Enge der Ausstellungsräume überwunden. Der Besucher erhält einen guten Eindruck von der Weite der Steppenlandschaft, aber auch ihrer Vielfältigkeit.

Es ist anzunehmen, dass dieser Naturraum die Skythen prägte. Doch die Gestalter sind hier einen Schritt weiter gegangen. Es ist nicht das Landschaftsbild als hinterlegte Fototapete, in der der Besucher mit seinen vielleicht Klischee besetzten Vorstellungen vom Leben in der Steppe “versinken” kann, das auf die Spur skythischer Lebenswelten führt. Die raumgestaltenden Landschaftsbilder wurden in ihre Farbanteile aufgelöst. Mit diesen Farben wurde jeweils ein farbliches Raumklima erzeugt, das durch die Farbatmosphäre der jeweiligen Landschaft geprägt war. Es ist ein interessanter Versuch zu sehen, wie die materielle Kultur der Skythen farblich in ihrer Landschaft wirkte. Die Steppe stellt sich dem Betrachter meist als ein Naturraum visueller Deprivation dar. Der optische Reizentzug kann durch die Farbmarken im Kulturraum kompensiert werden. Die Farbigkeit skythischer Sachkultur ist prägnant und die Goldfülle charakteristisch. Das leichte Gold ist als Statuswährung in einer mobilen Kultur sicherlich von besonderer Bedeutung, doch sind auch die Farbsignale, die eine mit Gold besetzte Person aussendet, in der Steppe von großer visueller Wirkung.

München

Die Ausstellung in München wurde in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung gezeigt, einem Ausstellungsort, der sich vor allem durch herausragende Kunstausstellungen einen Namen gemacht hat. Die Ausstellungsräumlichkeiten waren durchgängig dunkel gehalten, die Exponate wurden auf schwarzem Untergrund präsentiert und aus ihrem dunklen Umfeld durch gezielte Ausleuchtung stark hervorgehoben. Diese Art der Präsentation bringt die Exponate zum Leuchten – ein einfaches Gestaltungsmittel, das auch gerne im Juwelierladen eingesetzt wird, um die angebotenen Pretiosen optisch aufzuwerten. Gerade die qualitativ hochwertigen skythischen Exponate bieten sich für eine solche Präsentation an, da sie ihren künstlerischen und materiellen Wert in den Vordergrund schiebt. Das dunkle Umfeld isoliert die Gegenstände jedoch und enthebt sie jedes Kontextes. Das Ziel ist die Ästhetisierung des Exponats. Wie auch in einer herkömmlichen Kunstausstellung etwa durch geschickte Hängung das einzelne Bild so platziert wird, dass der Betrachter sowenig wie möglich durch andere Exponate in seinem Blick beeinträchtigt wird und sich so ganz der Anmutung des fokussierten Kunstwerks widmen kann, wird der Besucher hier in den Bann des einzelnen Objekts gezogen. Das archäologische Exponat erhebt sich zum Kunstobjekt.

Hamburg

Die Ausstellung in Hamburg im Museum für Kunst und Gewerbe verfolgte ein ähnliches Ziel. Wie der Hamburger Ausstellungskurator Frank Hildebrandt in der Hamburger Lokalpresse betonte, stünden für das Kunstgewerbemuseum die künstlerischen Aspekte bei der Ausstellung im Vordergrund (Hamburger Abendblatt v. 12.02.2008), was durch ein eigenes Ausstellungsdesign gefördert werden sollte. Die einzelnen Räume waren in jeweils einem einheitlichen Farbton gehalten: entweder in braun, blau oder eine Art oliv. Es war nicht zu erkennen, dass in der Wahl der jeweiligen Raumfarbe irgendein inhaltliches Konzept verfolgt wurde. So war etwa der Raum mit den Funden aus Pazyryk in dem gleichen Blau gehalten wie z. B. der Raum mit den Funden aus dem Kaukasus oder der Mitteleuropa-Raum. Auch die Exponatpräsentation selbst folgte einem festen Farbschema: Vitrinen mit vornehmlich goldenen Exponaten hatten einen königsblauen Unter- und Hintergrund, alle anderen Vitrinen waren mit einem grünbraunen Stoff ausgelegt. Die Goldobjekte kamen so sehr gut zur Geltung, organische oder bronzene Objekte wurden von ihrem tarnfarbigen Untergrund trotz guter Ausleuchtung jedoch häufig “verschluckt”.

Was bleibt?

Die in Berlin so hervorragend herausgearbeiteten Aspekte der Monumentalität skythischer Sepulkralarchitektur, die Weite der eurasischen Steppenlandschaften und die farbliche Atmosphäre der jeweiligen skythischen Lebensräume wurden in München und Hamburg nicht berührt. Was hier blieb, war mehr oder weniger erfolgreich die hohe Kunstfertigkeit der skythischen Kultur und ihre herausragendsten Produkte zu inszenieren. Der im Katalog (Parzinger et al. 2007) und in der thematischen Gliederung der Ausstellung angelegte Überblick über die regionale Vielfalt skythischer Kultur und ihre weite Räume überspannenden verbindenden Elemente war allenfalls in Berlin noch erfahrbar, in den Ausstellungen von München und Hamburg waren in der Masse der dekontextualisierten Exponate Konturen kaum mehr zu erfassen. Die nur als Abfolge von Höhepunkten inszenierte Leistungsschau skythischer Kunstfertigkeit entzog dem Betrachter jeden Orientierungspunkt kulturgeschichtlicher Einordnung und Bewertung. Die gelehrten Ausstellungstexte waren kaum dazu angehalten, dem Laien-Besucher die notwendige Orientierung an die Hand zu geben. Sie setzten meist archäologische Grundkenntnisse voraus, zumindest welche der Abfolge regionaler archäologischer Kulturen, etwa wenn auf Vorläufer in der ansonsten nicht weiter thematisierten Okunev-Kultur verwiesen wurde. Und man fragt sich auch wie nicht-archäologische Besucher Texte verstehen, wie z. B.: “Unregelmäßig über den Kurgan verteilt fanden sich auch die Gräber aus der späteren hunnischen Periode, die mit dem Grabmonument aus dem späten 7. Jh. v. Chr. nur bedingt in Zusammenhang stehen” (meine Hervorhebung). Welche Bedingtheit soll sich hier dem nicht in die höheren Weihen akademischer Diskurse Initiierten aufdrängen?

Dem öffentlichen Ausstellungsinteresse tut diese Kritik kein Abbruch: Der Besucherandrang war allerorten groß und die Kataloge fanden reißenden Absatz. Die durchgängig herausragenden Exponate waren in jedem Fall den Besuch wert und lieferten genug Gesprächsstoff, nicht zuletzt auch der so verletzlich wirkende Krieger aus dem Altaj, der als eine der skythischen Trockenmumien seinen Weg in die Ausstellung fand. Jeder heutige Tattoo-Shop könnte dessen Tätowierungen in seine Musterbücher übernehmen.

Die enge Parallelität von Katalog und Ausstellung wirft die Frage auf, was die Ausstellung leisten kann, was dem Katalog versagt bleibt. Durch die Menge an erklärendem Text muss man eindeutig dem Katalog den Vorzug geben, wenn man ein differenziertes Bild des Ausstellungsthemas erhalten will. Die Stärke der Ausstellung liegt hingegen bei dem Exponat, das sich auch nicht durch die besten Bilder ersetzen lässt. Mit dem Exponat hat das Museum ein Alleinstellungsmerkmal, das hinsichtlich von Unmittelbarkeit und Authentizität durch kein anderes Medium erreicht werden kann. Insofern kommt der Inszenierung der Schaustücke unbenommen eine hohe Bedeutung zu. Die Exponate sind nicht nur Hinterlassenschaften vergangener Kulturen, sie sind selbst Medien, die etwas über diese Kulturen mitteilen können. Die Exponate sind Bedeutungsträger und die Bedeutungen, die sie tragen, sind vielfältig. Insofern die Bedeutung eines Objektes im Kontext seiner Verwendung entsteht, sind für uns vor allem zwei klar zu unterscheidende Kontexte relevant: der Kontext der Objektverwendung innerhalb der skythischen Kultur und der Kontext der Objektpräsentation in den musealen Tempeln des westlichen Bildungsbürgertums.

Durch den Transfer des Objektes – über mehrere Stufen – aus dem einen in den anderen Kontext macht es einen Bedeutungswandel durch. So erlebt der goldene Akinakes, das skythi-sche Kurzschwert, eine Metamorphose vom Statussymbol einer Kriegerelite über den archäologischen Fund zum Exponat in einer Ausstellung. In der Ausstellung symbolisiert er nicht mehr den gefürchteten skythischen Reiterkrieger, sondern das Geheimnis einer kaum verstandenen Lebenswelt. Das Bedrohliche des Objektes und die gewaltige Bildsprache des ihn schmückenden Tierstils sind zum ästhetisch aufgewerteten Faszinosum eines Vergangenheitsklischees geworden.

Was wir über diese uns fremde Kultur lernen können, ist für den westlichen Laienbetrachter kaum durch sein alltägliches Erfahrungswissen zu erschließen. Die bloße Repräsentation begleitender Grabfunde und die textliche Untermalung mit den üblichen Bausteinen archäologischer Kategorisierung wie Objektbeschreibung, Zeitstellung, kulturelle Zuordnung etc. vermittelt sicher nicht die notwendige kulturelle Kompetenz, die Dingzeichen zu entziffern.

Ansätze wie von harry vetter team präsentiert, Überlegungen zum Symbolwert etwa der materiellen Kultur der skythischen Elite – denen sich antike Schilderungen, wie die Skythen von ihren Zeitgenossen wahrgenommen wurden, an die Seite stellen ließen – können Assoziationsräume schaffen, die Exponate erneut in ihren skythischen Funktionskontext zu stellen.

Die vielfach – so auch in München und Hamburg – praktizierte Alternative heißt, das bloße Interesse an Vergangenem zu bedienen – zumal wenn das Vergangene so geschmackvoll dargeboten wird; einem Verständnis der Vergangenheit oder hier konkret der Skythen kommt man damit kaum näher.

Literatur

BURMEISTER, ST., im Druck: Das “skythische Phänomen” – Ausdruck eines reiternomadischen Lebensstils oder Herrschaftssymbolik eurasischer Eliten? Das Altertum.

PARZINGER, H., W. MENGHIN u. M. NAWROTH (Hrsg.), 2007: Im Zeichen des Goldenen Greifen. Königsgräber der Skythen. München: Prestel.

Von Stefan Burmeister, Museum und Park Kalkriese, Venner Straße 69, 49565 Bramsche, Germany, Kontakt: burmeister@kalkriese-varusschlacht.de

Anmerkung: eine kürzere und veränderte Version dieser Besprechung wird im European Journal of Archaeology erscheinen.

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